Reiseeinfachundlebe_Indianerplatz

Vom nostalgischen Indianerplatz zum modernen Raddampfer

Reiseeinfachundlebe_Indianerplatz

6. Woche in Norwegen

 

Müde von Schnee und Kälte

Die letzten Tage haben ihre Spuren hinterlassen. Als wir uns auf ca. 1.200m einen Tag Pause gönnten, forderte unser Körper viel Ruhe und Regenerationszeit ein. So langsam merken wir, dass unser geplantes Essen zu wenig kcal liefert, sodass jeder von uns großzügig in seine Schnuggel-Tüte mit Schoko und Nüssen greifen muss. Wir träumen am Tage häufiger von diversen Gerichten, die wir zuhause immer gern gegessen haben. In so Momenten lernt man mit allem dankbar zu sein und jeden Krümmel wertzuschätzen. Als es am nächsten Tag weiter ging sind unsere Beine immer noch sehr müde und das Wandern fällt uns schwer. Doch wir ziehen weiter, auf der Suche nach frischem Wasser und einem neuen Lagerplatz. Zu dem Zeitpunkt ahnten wir nicht, welch schöner Ort für uns bereit gehalten wurde.

Letzter Blick auf den Tafelberg

Der Abstieg auf unter 1.000m stand an. Blauer Himmel und Sonnenschein erfreuten unser Herz. Der Ausblick war fantastisch und wir konnten enorm weit schauen. Vor uns lag ein weites Tal, das links und rechts von Bergketten eingerahmt wurde. Hinter uns lag die Hochebene mit Blick auf den gewaltigen Tafelberg. Wir nutzten die Gelegenheit und schauten das letzte mal auf diesen Giganten, der nun weit in der Ferne lag. Vor einigen Tagen standen wir noch direkt vor ihm. Es ist beeindruckend, welche Strecke wir in der Zwischenzeit zurückgelegt haben.

Der Indianerplatz

Unser Abstieg ins Tal führte uns erneut zu dem breit fließenden Fluss, den wir schon in unserer ersten Hardanger-Woche bestaunen durften. Wir hielten Ausschau nach einer günstigen Stelle. Die Sonne sank immer tiefer, der Abend schritt voran. Unsere Blicke wurden auf eine flache Ebene direkt neben den Fluss gelenkt. Die Stelle lag abseits vom Weg und so entschieden wir uns dort unser Zelt aufzubauen. Am nächsten Morgen konnten wir die Schönheit dieses Ortes in voller Fülle sehen:

Umrahmt von steinigen, grün befleckten Bergen schlängelte sich der Fluss durch das Tal. Klares, kühles Wasser rauschte über große Steine und verlieh dem Wasser tolle Farbenspiele. Ein großer flacher Felsen ragte am Ufer aus dem Wasser. Der perfekte Kochplatz. So weit das Auge schauen kann, nur unberührte Natur. Keine Strommasten, sondern ein paar schief wachsende Birken. Die Sonne wärmte uns am Morgen und schenkte uns bis zur späten Abendstunde helles Licht. Wir haben den Eindruck als wären wir in Nordamerika. Die Aussicht ist atemberaubend und gleichzeitig so verträumt. Es fühlte sich so an, als wären wir Indianer und haben gerade mit unseren Pferden die nächste Wasserstelle erreicht. An diesem Platz werden wir für mehrereTage bleiben.

Wäsche waschen nach alter Tradition

Wir nutzten die Zeit um uns und unsere Wäsche gründlich zu waschen. Dabei hängten wir unsere Kleidungsstücke auf unsere Wanderstöcke und klempten diese zwischen zwei große Steine ins Wasser. Der Fluss floss somit die ganze Zeit über und durch unsere Wäsche. Es ist erstaunlich, wie auf diese einfache Weise die vorher nach Schweiß riechende Wäsche wieder frisch riecht. Sogar eine leichte Note von Waschmittel war wieder wahrzunehmen. Da wir fast unser komplettes Kleidersortiment wuschen, bastelte Jonathan mit Seilen eine 15m lange Wäscheleine. Das war auch wegen der weit auseinanderstehenden Bäume notwendig. Es war ein tolles Gefühl wieder wohl riechende Kleidung zu tragen.

Gigantischer Wasserfall

Wir planten unsere Tour ein wenig um, sodass wir nicht den gleichen Weg zurück gingen. Auch wählten wir einen anderen Zielort, von dem wir mit dem Bus zum nächsten Supermarkt fahren würden.

Auf unserer neuen Strecke wurde die Landschaft immer rissiger. Gewaltige Bergwände klafften empor und fielen z.T. 900m gerade herunter. Es sah aus, als hätte jemand einen tiefen Spatenstich gemacht und die zwei Berghälften anschließend ein Stück auseinander gedrückt. Die Formationen ähnelten mehr und mehr der Fjordlandschaft. Wie riesige, schlafende Reptilien zeigten sich die Bergketten in all ihrer Größe. Aus der Entfernung hörten wir ein tiefes Donnern. Irgendwo musste hier ein gewaltiger Wasserfall sein. Einige Kilometer lang konnten wir diesen nur akustisch erahnen. Auf jedem höher liegenden Felsen streckten wir unseren Hals aus, um einen Blick auf dieses Naturspektakel erhaschen zu können. Aber außer der gewaltigen, gerade herunter fallenden Bergwand war nichts zu sehen... Bis wir schließlich einen Felsvorsprung erreichten. 200m tief stürzte das weiß aufgewühlte Flusswasser in die Tiefe. Weiße Gischt flog durch die Luft. Mit einem gewaltigen Donnern kamen die riesigen Wassermengen auf den tiefer liegenden Felsen an. Es war beeindruckend und machte uns sprachlos solch eine Naturgewalt zu sehen. Wie viele Mengen an Wasser dort hinunter gingen! Wir machten unsere Mittagspause an diesem Ort und ließen uns fesseln von dem atemberaubenden Anblick.

Unseren nächsten Lagerplatz schlugen wir einige Kilometer später auf. Ebenfalls an einem Wasserfall, aber von kleinerer Höhe. Anhand des Handy- und Internetempfangs merkten wir, dass wir der Zivilisation näher kamen.

Ohne Daumen per Anhalter unterwegs

Auf unserem Abstieg nach Hagavegen ging es mehrere Kilometer entlang auf einer staubigen Schotterstraße. Wir entfernten uns immer mehr von den 900m hohen Bergen, auf deren Höhe wir heute Nacht noch geschlafen haben. Gleichzeitig näherten wie uns dem Tal, in welches der Fluss mündete, den wir seit dem Tafelberg folgen. Unsere Rucksäcke sind gerade sehr angenehm zu tragen. An einem Mülleimer konnten wir den Abfall der letzten 3 Wochen los werden und haben, was das Essen betrifft, nur noch ein bisschen Müsli im Gepäck. Ein Auto nach dem anderen fährt an uns vorbei und wir laufen fröhlich unseren Weg. Plötzlich hält ein VW Transporter an. Eine junge Frau fragt uns in englisch, ob wir mitgenommen werden wollen. Die vor uns liegende Strecke sei sehr langweilig, sagte sie. Was ein nettes Angebot. Wir nehmen es an und sitzen kurz danach im Auto. Es ist total ungewohnt die Landschaft so schnell vorbei ziehen zu sehen. Wir sind andere Fotbewegungs-Geschwindigkeiten gewöhnt. 😀 Zu unserer Freude wurden wir sogar bis Eidfjord mitgenommen. Somit konnten wir uns das Busticket sparen und waren schon einen Tag früher als geplant an unserem Zielort, wo es den nächsten Supermarkt gab. Da allerdings Sonntag war, mussten wir mit dem Einkauf bis morgen warten.

Der moderne Raddampfer

Just in den Moment als wir ankamen, legte ein großes Kreuzfahrtschiff im Hafen an. Eine Welle (oder besser gesagt ein Tsunami) an Touristen überflutete das sonst friedliche Örtchen. Alles, wirklich alles wurde fotografiert. Der Souvenirladen sowie das Cafe wurden aufgesucht und überall spazierten die Touris entlang. Zwischen all diesem Getümmel stehen wir mit unseren Rucksäcken und hölzernen Wanderstöcken - und sind total überfordert. Von der Abgeschiedenheit der Berge, wo wir am Tag 0-2 Wanderer trafen und uns meist nett unterhielten zum totalen Kontrast: Massen an Menschen und gefühlte 100% Anonymität (wobei unser äußeres Erscheinungsbild den ein oder anderen Blick auf sich zieht).

No Camping

Irgendwie müssen wir die Nacht hier in Eidfjord rum bekommen. Für eine Unterkunft wollen wir nur ungern Geld ausgeben, da uns der geforderte Betrag nicht angemessen erscheint. Aber es wird schwierig hier eine Bleibe für uns zu finden. Alles kostet Geld, sogar die Toilette. Jedes Fleckchen Erde wird genutzt und so vermieten die Eidfjorder sogar ihren Vorgarten zum Campen. Also wandern wir ein Stück aus dem Ort heraus und versuchen irgendwo am Fluss einen Platz zu finden. Im Wald finden wir eine öffentliche (kostenlose) Toilette sowie eine Holzbank mit Tisch. Hier bereiten wir unser Abendessen zu. Es wird immer später und wir ziehen noch ein Stück weiter, in der Hoffnung weniger Spaziergänger zu treffen. Anscheinend ist das campen hier im Wald verboten. Daher entscheiden wir uns die Nacht auf der Plane unter freiem Himmel zu verbringen.

Unser Reisestil ist so nah an der Zivilisation nicht gut umsetzbar, aber wir sind froh satt gegessen nun schlafen zu können. Wir sind gespannt, was die nächste Woche für uns bereit hält.

Tags: No tags

2 Responses

Add a Comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *